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Podiumsdiskussion „Intellektualität in Transformationsgesellschaften: Zu Selbstbewusstsein, Status und Image der Intellektuellen in Litauen“

Die Diskussionsteilnehmer Prof. Egidijus Aleksandravičius (Geschichte/VMU), Prof. Rūta Marcinkevičienė (Sprachwissenschaft/VMU), Prof. Vaidotas Kažukauskas (Naturwissenschaften/Universität Vilnius) und der Schriftsteller Marius Ivaškevičius diskutierten über die Intellektualität, genauer über den Intellektuellen, seine Rolle und seinen Status in Litauen.

Zahlreiche Ansatzpunkte für die Diskussion lieferten nicht nur die These Leonidas Donskis‘ vom Niedergang der Intellektuellen in Litauen, die von allen Beteiligten mehrmals angesprochen wurde, sondern auch der unmittelbar davor gehaltene  Vortrag von Prof. Aleksandravičius. Seine Thesen zur Begriffsbestimmung der Intellektualität bzw. des Intellektuellen (Intellektueller vs. Wissenschaftler, Intellektueller vs. Fachmann, etc.) wurden in der Diskussion von Prof. Marcinkevičienė im Hinblick auf die Etymologie und die Verwendung des Begriffs „Intellektueller“ im allgemeinen Sprachgebrauch ergänzt.

Da im Gespräch der Ausdruck „freier Intellektueller“ mehrmals erwähnt wurde, haben die Gäste auch die Frage diskutiert, ob die sich als frei bezeichnenden Intellektuellen doch nicht in ihrem eigenen Ideensystem verfangen bleiben und sich von ihren Überzeugungen schwer befreien können.

Alle Diskutierenden haben die allgemeine intellektuelle Atmosphäre einer bestimmten Gesellschaft als notwendige Voraussetzung für die Entstehung intellektuellen Diskurses betont. Was sind die notwendigen Bedingungen für intellektuelle Diskussionen? Welche Rolle spielen hier die sogenannten „Seelengemeinschaften“? Vielleicht lässt sich der Mangel an intellektueller Kommunikation, von dem auch Prof. Leonidas Donskis in seinem Artikel spricht, dadurch erklären, dass es in der heutigen Gesellschaft insgesamt an der natürlichen zwischenmenschlichen Kommunikation fehlt? So wurde die Bedeutung von persönlichen Kontakten und freundschaftlichen Beziehungen als wichtige Voraussetzung des intellektuellen Diskurses besprochen.

Im Hinblick auf den litauischen Kontext hat Prof. Kažukauskas eine große Kluft zwischen intellektuellen Debatten und der politischen bzw. sozialen Realität festgestellt. Diese Kluft lässt sich einerseits als die Reaktion der Intellektuellen auf die sowjetische Ideologie und damit auch als eine Art Skepsis gegen die Politik erklären, andererseits wurde während des Gesprächs bemerkt, dass heutzutage immer mehr Intellektuelle als Politiker tätig werden. An dieser Stelle wurde auch die Frage bezüglich des Selbstbewusstseins litauischer Intellektueller gestellt und ausführlich diskutiert.

Prof. Aleksandravičius, der sich in seinen Forschungen mit der Geschichte der Intellektualität in Litauen sowie mit den Biographien zahlreicher litauischer Intellektueller beschäftigt, hat auch auf das Verhältnis eines Intellektuellen zur Vergangenheit und Zukunft hingewiesen. So wurde auch die These formuliert, dass ein Intellektueller nicht nur die Prozesse der Vergangenheit und Gegenwart reflektieren, sondern auch gewisse Zukunftsvisionen liefern soll. Zugleich hat Herr Aleksandravičius die Rolle der Intellektuellen in Litauen und im Exil während der sowjetischen Okkupation skizziert und auf deren Verdienste hingewiesen.

Der Schriftsteller Marius Ivaškevičius hat die Situation und die Probleme der Künstler in Litauen angesprochen, zugleich auch den Mangel an Medien konstatiert, die litauischen Intellektuellen Gehör verschaffen könnten.

Prof. Marcinkevičienė hat in diesem Kontext die Spezifik des intellektuellen Diskurses in Litauen erläutert und betont, dass man das Verhältnis von gesellschaftlichen bzw. kulturellen Prozessen und ihren sprachlichen Reflexionen berücksichtigen soll, wenn man das soziale Gefüge in seiner Komplexität begreifen will.

Für die vor allem im Bildungsbereich tätigen Mitglieder des DAAD-Alumni-Klubs waren die Überlegungen über die gesamteuropäischen und speziell litauischen Studienreformen von besonderem Interesse. Einerseits scheint die Intellektualität durch die immer weitergehende Interdisziplinarität gefördert zu werden, andererseits bleibt in den aktuellen Curricula immer weniger Platz für Allgemeinbildung, weil sogar die Universitäten sich in erster Linie um die Entwicklung ganz konkreter fachlicher Kompetenzen bemühen. In welchem Verhältnis stehen also Intellektualität und Fachkompetenz zueinander?

Da die Podiumsdiskussion im Rahmen des Treffens der DAAD-Alumni stattgefunden hat, wurde eingehend diskutiert, inwieweit ein kürzerer oder längerer Auslandsaufenthalt sich als Intellektualität fördernd erweisen kann. Die Moderatorin hat an alle Diskussionsteilnehmer die Frage gestellt, ob man sich überhaupt als Intellektuellen bezeichnen darf, ohne fremde Länder und Kulturen unmittelbar kennengelernt zu haben. Die Gäste waren sich darüber einig, dass die Erfahrung im Ausland besonders wertvoll ist. Außerdem ermöglicht ein Auslandsaufenthalt einen distanzierten Blick auf die eigene Gesellschaft und ist somit eine wichtige Voraussetzung für intellektuelle Kritik.

An der Diskussion haben sich auch die Mitglieder des DAAD-Alumni-Klubs mit Fragen und Bemerkungen beteiligt. Im Hinblick auf die These Donskis‘ wurde der Gedanke geäußert, dass öffentliche Gesellschaftskritiker immer dann eine Art Zufriedenheit empfinden können, wenn ihre Thesen bzw. Warnungen, in diesem konkreten Fall die Warnung vor dem Niedergang der Intellektuellen, sich letzendlich als falsch erweisen. Das zeigt, dass ihre Befürchtungen und Kritik gehört wurden und somit auch ihr Ziel erreicht haben. Auf diese Weise werden die Dinge verhindert, die zunächst als unausweichlich erscheinen können.

Bei der Diskussion an der Vytautas Magnus Universität hat es keinesfalls an intellektuellen Einsichten gefehlt, deswegen konnten zum Schluss der Diskussion genug optimistische Zeichen erkannt werden.

Doz. Dr. Rūta Eidukevičienė
Prodekanin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Vytautas Magnus Universität